Anfrage
1. Wie stellt sich die Situation in den Zentralen Notaufnahmen (ZNA) des Städtischen Klinikums und der ViDia Kliniken in Karlsruhe aktuell dar?
a) Wie viele Patientinnen und Patienten werden derzeit pro Tag jeweils in den beiden Notaufnahmen behandelt?
b) Wie viele „leichte“ Patientenfälle werden dort jeweils täglich aufgenommen, die eigentlich keine Notfälle darstellen und keine akute medizinische Behandlung in den Notaufnahmen benötigen?
c) Wie stellt sich die Situation in den Zentralen Notaufnahmen insbesondere an den Wochenenden und an den Feiertagen dar? Wie viele „leichte“ Fälle werden dort aufgrund mangelnder Alternativen behandelt?
d) Welche Folgen und Gefahren eines „Overcrowdings“ konnten bisher in den Karlsruher Notaufnahmen beobachtet und festgestellt werden? Wie viele „schwere“ Fälle müssen aufgrund einer Aufnahme „leichter“ Fälle täglich zurückstehen, bei denen dann ggf. eine Zuspitzung der notfallmedizinischen Situation droht (z.B. verspätete Diagnose einer Sepsis o.Ä.)?
2. Wie ist die aktuelle Arbeitssituation für die Pflegerinnen und Pfleger sowie für die Ärztinnen und Ärzte in den Zentralen Notaufnahmen der beiden Karlsruher Kliniken?
a) Wie viele Mitarbeitende arbeiten derzeit jeweils im Schichtbetrieb in den beiden Notaufnahmen? Wird der Personalbedarf an die steigenden Behandlungsfälle und an die zunehmenden Herausforderungen kontinuierlich angepasst?
b) Wie hoch ist die Arbeitsbelastung in den Karlsruher Notaufnahmen? Welche Erkenntnisse und Zahlen gibt es über zu leistende Überstunden, längere Krankheitsausfälle aufgrund psychischer oder körperlicher Beschwerden und die Personalfluktuation in diesem Bereich in den letzten fünf Jahren?
c) Wie ist die momentane Arbeitssituation in den jeweiligen Empfangsräumen der Notaufnahmen? Wie hoch werden verbale Ausfälle, Gewaltandrohungen und -ereignisse gegen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bereich der Anmeldung der Notaufnahmen im Zeitraum der letzten fünf Jahre beziffert?
d) Welche Sicherheitskonzepte und Schulungen bestehen für das Klinikpersonal in den Notaufnahmen hinsichtlich gefährlicher und konfliktgeladener Situationen?
3. Welche Maßnahmen zur besseren Steuerung und Lenkung von Patientenfällen sollen neben der Reform der Notfallversorgung auf Bundesebene zukünftig in den Karlsruher Kliniken zusätzlich noch angewendet werden? Bestehen Überlegungen zu einer vorgeschalteten Praxis wie in einem Pilotprojekt am Universitätsklinikum Mainz? Wie sehen die verantwortlichen Stellen der Karlsruher Kliniken die Einführung einer generellen einfachen Gebühr ohne Bürokratieaufwand bzw. einer Notfallgebühr für sog. Bagatellfälle?
4. Wie bereiten sich die Zentralen Notaufnahmen Karlsruhes auf ansteigende Fälle der älteren und vulnerablen Patientengruppen in längeren und starken Hitzeperioden vor? Welche Maßnahmen sollen hier im Hinblick auf klimatische Veränderungen und die alternde Stadtgesellschaft zusätzlich getroffen werden?
5. Welche Vorbereitungen werden im Hinblick auf Fälle schwerer Atemwegserkrankungen in den Herbst- und Wintermonaten getroffen, um die Belastungen für das Personal in den Notaufnahmen so gering wie möglich zu halten?
6. Welche Möglichkeiten bestehen zur sektorenübergreifenden und digitalen Patientensteuerung und welche weiteren Maßnahmen sind hierfür zukünftig erforderlich?
7. Wie ist die technische und digitale Einrichtung in den jeweiligen Notaufnahmen der Karlsruher Kliniken? Sind diese für ihre Aufgaben in der regionalen Notfall- und Krisenversorgung ausreichend ausgestattet?
a) Wie ist der aktuelle Stand zu einer leistungsfähigen digitalen Vernetzung der beteiligten Akteure?
b) Wie gut funktioniert derzeit die sichere und standardisierte Übermittlung relevanter Versorgungs- und Patienteninformationen zwischen Rettungsdiensten, Leitstellen, ambulanter Versorgung und den Kliniken der Region?
c) Wie gut sind die beiden Notaufnahmen auf mögliche Krisen- und Großschadenslagen aktuell vorbereitet? Wie gut kann eine koordinierte Versorgung mit der aktuellen Ausstattung und regelmäßigen Personalschulungen derzeit gewährleistet werden?
d) Welche Maßnahmen und Anschaffungen müssen sowohl hinsichtlich einer guten Notfallversorgung im täglichen Regelbetrieb als auch in potenziellen Krisen- und Großschadenslagen in den Notaufnahmen baldmöglichst noch umgesetzt werden?
Sachverhalt / Begründung:
Die Arbeitsbelastungen des medizinischen Personals in den Notaufnahmen deutscher Kliniken sind immens.
Aufgrund von Schließungen von Notfallpraxen und fehlenden kassenärztlichen Bereitschaftsdiensten, Hausärztemangel und vakant bleibenden Facharztsitzen, Krankenhaussterben (insbesondere in den ländlichen Regionen), mangelnden sozialen Strukturen und Behandlungsplätzen für ältere Patientengruppen, aber auch von subjektiven Fehleinschätzungen der Patientinnen und Patienten müssen die jeweiligen Notaufnahmen immer mehr Menschen aufnehmen, die dort eigentlich zunächst nicht akut behandelt werden müssten.
Diese Aspekte führen insbesondere für die „echten“ Notfälle zu längeren Wartezeiten und einer nachrangigeren Behandlung sowie zu einer übermäßigen Belastung des medizinischen Personals. Die Notaufnahmen sind mittlerweile zu einem zu großen Auffangbecken für alle Patientenfälle geworden und füllen somit wichtige Lücken im Gesundheitssystem, die gar nicht in ihrem Zuständigkeitsbereich liegen.
Eine Überfüllung der Notaufnahmen kann zu einer erhöhten Sterblichkeit führen, die durch eine bessere Steuerung der Patientenströme mit ausreichenden alternativen Möglichkeiten eindeutig vermieden werden könnte.
Trotz der aktuellen Reform der Notfallversorgung auf Bundesebene, die das Ziel hat – u.a. mit der Einrichtung von Integrierten Notfallzentren (INZ) – diese Lenkungsproblematik anzugehen, müssen die Situation in diesen lebenswichtigen Bereichen in den Kliniken vor Ort engmaschig beobachtet sowie weitere Maßnahmen in Betracht gezogen werden, um eine gute und koordinierte Versorgung von Notfallpatienten jederzeit und in allen Krisenlagen gewährleisten zu können.
Deshalb stellt sich die Frage nach den spezifischen Umständen in den Karlsruher Notaufnahmen. Nicht nur im Hinblick auf die angestrebte beste und schnellste Behandlung schwerer Patientenfälle, sondern auch auf eine starke Entlastung des medizinischen Personals vor Ort besteht hier für die Stadt Karlsruhe – insbesondere für ihre angestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Städtischen Klinikum – eine ganz besondere Verantwortung.
Trotz eingeschränkter gesundheitspolitischer Einflussmöglichkeiten auf kommunaler Ebene muss die Verbesserung der notfallmedizinischen Patientenversorgung sowie der Arbeitsbedingungen in diesem essenziellen und sensiblen Sektor für alle Verantwortlichen der Stadtverwaltung und der Stadtpolitik eine hohe Priorität einnehmen.
Unterzeichnet von:
Dr. Stefan Noé | Thomas H. Hock | Annette Böringer | Petra Lorenz
Wie ist die aktuelle Situation in den Karlsruher Notaufnahmen?

